Webseite des Monats: Selbstauslöser online

Wer Kameras sammelt, kennt das Platzproblem: ein einzelnes Regal genügt selten, irgendwann sind ganze Zimmer oder gar Wohnungen belegt. Wer sich dagegen den externen Selbstauslösern verschrieben hat, bringt eine durchaus stattliche Sammlung in einer Schmuckschatulle unter – und kann darin trotzdem ein erstaunliches Stück Fotogeschichte versammeln. Genau das demonstriert Andreas Sieg auf autoknips.jimdofree.com mit beeindruckender Konsequenz.

Hinter der bescheiden wirkenden Jimdo-Adresse steht eine private Forschungsarbeit von beachtlichem Umfang: rund 1.200 Geräte in der Sammlung, kiloweise Originaldokumente und der erkennbare Anspruch, jedem einzelnen Stück möglichst gerecht zu werden. Wer sich die Mühe macht und durch das alphabetische Register klickt, ahnt rasch, wie groß dieses scheinbare Nischengebiet eigentlich ist: Allein die ersten Buchstaben listen Marken wie Accura, ADA, Adina, Admiral, Agfa, Alibert, Amica, Arco, AS, Auto-Bob, Autoclick, Autoknips, Autopoze, Balda, Bellmann, Boumsell, Braun, Burke & James, Canon – und so geht es zügig weiter bis ans Ende des Alphabets.

Die Vielfalt der Mechanik

Was die Lektüre besonders unterhaltsam macht, ist die geradezu absurde Bandbreite an Lösungen, mit der Tüftler und Techniker das eigentlich simple Problem – „eine Verzögerung, dann ein Druck auf den Auslöser" – über Jahrzehnte hinweg angegangen sind. Neben dem klassischen Uhrwerk findet man Luftpumpen, Sanduhren, Bremsgummis und sogar Zündschnüre ebenso wie hydraulische Hemmwerke mit Öl, Glycerin oder Silikonpaste. Sieg ordnet diese Konstruktionen nicht nur sammlerisch, sondern auch patentgeschichtlich ein – jedes erwähnte Patent ist über Espacenet nachvollziehbar, Erfinderbiografien werden recherchiert und in den Kontext der jeweiligen Zeit gestellt.

Der Autoknips selbst

Namensgeber des Portals ist der Hamburger Autoknips, dessen Markenname so erfolgreich wurde, dass er zum allgemeinen Synonym für die gesamte Geräteklasse aufstieg. Die Modelle I, II und III bekommen jeweils eigene Detailseiten mit Varianten, Beschriftungen, Verpackungen und Datierungshinweisen. Wer schon einmal versucht hat, einen Autoknips genauer einzuordnen, weiß den seitlich eingravierten Jahres-Code zu schätzen – eine kleine Dating-Hilfe, die hier sauber dokumentiert und durchdekliniert ist. Daneben gibt es Kapitel zu den deutschen Mitbewerbern (Balda, Contessa-Nettel, Ernemann, Drexler, Hama, Leica, Morat, Weber, Zeiss Ikon) und systematische Länderübersichten – Schweiz, Frankreich, England, weiteres Europa, USA, Japan und „Rest of World".

Geschichte zwischen den Zeilen

Besonders schön: der historische Kontext kommt nicht zu kurz. Man erfährt etwa, wie die Autoknipsfabrik 1941 die Auslieferung im Inland einstellen musste – belegt durch eine im Original abgebildete Postkarte vom 28. Juli 1941, in der die freundliche Absage an einen Kunden festgehalten ist. 1943 wurde die Fabrik in den Bombenangriffen der „Operation Gomorrha" zerstört, nach dem Krieg von Friedo Klapprott zunächst zusammen mit dem Fotogeschäft seines Onkels Friedo Wiesenhavern wieder aufgebaut. Mit dem Wirtschaftswunder kam dann der Autoknips IV, eine Konstruktion von Klapprott & Lampe, direkt auf das Compur-Gewinde aufschraubbar, 1953 als Gebrauchsmuster (DBGM 1660331) eingetragen.

Oder die andere Atlantikseite: Robert Faries (1837–1919) in Illinois, eigentlich Fahrradhändler, überträgt 1900 das pneumatische Prinzip seiner Fahrradluftpumpe in einen Selbstauslöser – den Autopoze. Dessen Werbung versprach charmant: „Be your own life in the landscape, horseman, bicycler, fisherman, hunter, shepherd, or what not. Take an Autopoze with you on your outing and bring back evidence that you were there." Und in „Meine Top 10" findet man noch skurrilere Konstruktionen wie den I'M-IN-IT von 1913, bei dem ein Metallklotz langsam eine Zahnstange herabrutscht, um schließlich den Auslösehebel umzukippen.

Fazit

Wer einen unscheinbaren Selbstauslöser im Zubehörkasten findet und nicht weiß, was da eigentlich vor ihm liegt, hat hier mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Antwort – mindestens aber einen exzellenten Ausgangspunkt für die weitere Recherche. Andreas Sieg pflegt eine Form der Sammlertugend, von der das Internet mehr gebrauchen könnte: gründlich, gut sortiert, mit Quellenliebe und ohne Eitelkeit. Und vielleicht ist es ja der Beginn einer neuen, platzsparenden Sammlerleidenschaft.

👉 https://autoknips.jimdofree.com/