Webseite des Monats: messsucherwelt.com

Wer Claus Sassenberg googelt, stößt auf eine knappe Selbstbeschreibung: Jahrgang 1963, Zahnarzt, Fotographie-Nerd, Hobby-Musiker, Leseratte. Wohnhaft in Vlotho an der Weser. Betreiber eines Photographie-Blogs seit 2009. Er beschreibt sich dabei ausdrücklich als „fanatisch bemüht, keinem gängigen Klischee zu entsprechen." Man möchte das unbedingt glauben. Und dann photographiert er mit Leica.
Das klingt nach einem harmlosen Hobby, und tatsächlich ist messsucherwelt.com genau das, ein Blog ohne Redaktion, ohne Verlag, ohne Sponsoren. Aber hinter dieser bürgerlichen Fassade verbirgt sich eine der gedankenreichsten Seiten, die die deutschsprachige Kameraphotographie im Netz zu bieten hat.
Der Name verspricht Messsucher, und die sind tatsächlich der Ausgangspunkt. Sassenberg entdeckte das Leica M-System nach Jahren des wachsenden Überdrusses an digitaler „Featuritis", wie er es nennt, und zog daraus eine doppelte Konsequenz: zum Messsucher, und gleichzeitig zurück zur analogen Photographie. Beides zusammen ergibt eine Haltung, keine Ideologie. Die analoge M6 und die digitale M11, die Leica IIIf aus dem Jahr 1952 und die Q3 43 erscheinen auf dieser Seite mit gleichem Recht nebeneinander. Das ist kein Widerspruch, den Sassenberg auflöst, es ist einer, den er auslebt, und genau das macht die Seite interessant.
Das Design ist dem Inhalt angemessen: aufgeräumt, typographisch sorgfältig, ohne den Gedränge-Effekt der üblichen Kamera-Fachseiten. Photographien illustrieren die Artikel nicht dekorativ, sondern dokumentarisch, stets mit vollständigen technischen Angaben.
Worum geht es inhaltlich? Nicht um historische Dokumentation im Sinne eines Kameramuseums. Nicht um aktuelle Geräte-Berichterstattung in der Art der Fachpresse. Und auch nicht um Analogphotographie als sentimentales Gegenprogramm zur Digitaltechnik. Sassenberg photographiert mit dem, was er hat und wofür er brennt, schreibt darüber ausführlich, und stellt dabei den praktischen Einsatz stets in einen größeren Zusammenhang. Warum überhaupt Messsucher? Warum heute noch analog? Warum Leica, wenn Zeiss und Voigtländer dasselbe Bajonett bedienen, zum kleineren Preis? Diese Fragen sind auf eigenen Seiten ausführlich beantwortet, und man kann trefflich anderer Meinung sein. Aber die Überlegungen sind ehrlich.
Das Herzstück der Seite ist die laufende Reihe „M-Files", inzwischen in der 28. Folge. Darin werden alle Kameras und Objektive mit M-Bajonett behandelt, die nicht von Leica stammen: Voigtländer Bessa und ihre verschiedenen Spielarten, Zeiss Ikon, Konica Hexar RF, Minolta CLE, die Rollei 35 RF, bis zur jungen französischen Marke Pixii. Das ist Nische in der Nische, und der Tonfall ist entsprechend: ein Liebhaber, der sein Thema kennt, ohne dabei unnahbar zu werden.
Dazu kommen Artikel über die analoge Rolleiflex und die Hasselblad, die Plaubel Makina 67, die Zeiss Super Ikonta, und gelegentlich Exkurse in die Kamerageschichte, die unseren Mitgliedern vertraut vorkommen dürften. Darunter ein Artikel über die Ilford Witness, jene britische Nachkriegs-Messsucherkamera, von der nur rund 350 Stück gefertigt wurden — eine Kamera, die ihren deutschen Vorbildern in manchem überlegen war, aber am schlechten Marketing scheiterte, und deren Geschichte zugleich ein kleines Stück europäischer Zeitgeschichte erzählt.
Erwähnenswert ist noch, daß Sassenberg inzwischen auf ein kleines Netz von Gastautoren zurückgreift, darunter Jörg-Peter Rau und Jonathan Slack vom englischsprachigen Macfilos. Slacks Beiträge übersetzt Sassenberg selbst ins Deutsche, Satz für Satz, nicht per Maschine. Das ist Aufwand, der Respekt verdient.
Wir empfehlen messsucherwelt.com unseren Mitgliedern nicht als historische Quelle, sondern als anregende Lektüre. Hier schreibt jemand, dem die Photographie mehr als ein Gegenstand ist, und der die Widersprüche seiner Lieblingsbeschäftigung — alt und neu, analog und digital, teuer und erschwinglich, mechanisch und elektronisch — mit Vergnügen aushält statt sie aufzulösen. Daß er dabei das bekannteste Klischee des Fachs bedient und offensichtlich nicht darunter leidet, macht ihn nur sympathischer.