Ein Wochenende als Fotograf des 19. Jahrhunderts – ein Erlebnisbericht

Zweimal hat der Workshop "Ein Wochenende als Fotograf des 19. Jahrhunderts“ für Mitglieder des Club Daguerre im Atelier Malek in Schwabbach bei Heilbronn stattgefunden, und beide Termine waren ein voller Erfolg. Wer dabei sein durfte, kehrte mit dem Gefühl zurück, nicht nur etwas über die Anfänge der Fotografie gelernt, sondern sie tatsächlich erlebt zu haben.

Herr und Frau Malek führten mit einer Selbstverständlichkeit durch das Wochenende, die nur aus langer Praxis kommen kann. Ihre Kompetenz, ihre hervorragende Ausstattung und eine sehr persönliche Gastfreundschaft machten aus den drei Tagen von der ersten Minute an ein kleines, in sich geschlossenes Erlebnis.

Einen schönen Eindruck verleiht dieses von Nicole Malek zusammengestellte Video: https://club-daguerre.eu/videos/workshop.mp4

Der Freitag begann mit der Opalotypie, einem Direktverfahren aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Mit diesem Verfahren kann man ein Positivbild auf Glas erstellen. Hierbei wird ein Negativ mit einem Vergrößerer auf die frisch beschichtete Glasplatte projiziert, entwickelt und Verstärkt. Die fertige Platte wird dann von hinten mit weißer Farbe beschichtet. Das Verfahren ist eher unter dem Namen Orotone bekannt, der einzige Unterschied ist dann allerdings nur die Farbe von der Rückseite – die wäre in dem Fall Orotone dann Gold.

Am Samstag stand die Nassplatte im Mittelpunkt, zunächst als Ambrotypien im Format 18×24 cm (Nassplatten auf Klarglas). Was vor der Kamera dann geschieht, ist das eine; dass Frau Malek jede Glasplatte vorher selbst zuschnitt und in einem zweistufigen Verfahren bis zur letzten Spur fettfrei bekam, das andere. Ohne diese stille Vorarbeit im Hintergrund gäbe es die Bilder gar nicht. Und dann das Beschichten selbst: in einem einzigen, ruhigen Schwung muss die lichtempfindliche Kollodium-Flüssigkeit gleichmäßig über die Platte laufen, ohne Wellen, ohne Blasen, ohne Ansätze, und alles unter Zeitdruck, denn das Kollodium darf nicht antrocknen. Frau Maleks Hand blieb dabei einmalig sicher, und schon hier wurde spürbar, dass diese scheinbar einfache Bewegung eine eigene, kleine Kunst ist. Die selbst beschichteten Platten haben eine geschätzte Empfindlichkeit von ISO 1 bis 2, und genau deshalb standen im Atelier die kräftigen Blitzanlagen bereit, die die benötigten Lichtmengen in einem Augenblick liefern. Aus den Ambrotypien entstanden auf Fotopapier noch Kontaktabzüge, um den Vorteil der Ambrotypie voll auszunutzen.

Am Nachmittag folgten Ferrotypie auf schwarz lackierten Aluminiumplatten. Nun waren die Teilnehmer selbst an der Reihe, ihre Platten mit der Kollodium-Flüssigkeit zu übergießen, und schnell wurde spürbar, wie schwierig dieser eine ruhige Schwung in Wirklichkeit ist. Es entstanden Porträts nach den Wünschen der Teilnehmer, und dann kam jener Moment, den man nicht mehr vergisst: in der Dunkelkammer traten die ersten Bildspuren langsam aus dem Nichts hervor, und vor den Augen der Anwesenden entstand ein Bild, das es vorher nicht gab. Am Abend ließ man den Tag gemeinsam im "Besen", einer regionalen Weinwirtschaft, ausklingen.

Der Sonntag gehörte der Cyanotypie, und nach den Feinheiten der Nassplatte wirkte sie fast erholsam: ein vergleichsweise einfaches Verfahren von eigener, stiller Schönheit, dass die meisten Teilnehmer mit Sicherheit zuhause weiterverfolgen werden. Sämtliche Arbeiten, die im Laufe des Wochenendes entstanden, durften die Teilnehmer mit nach Hause nehmen, und so blieb am Ende nicht nur die Erinnerung, sondern handfeste Unikate aus eigener Hand.

Der Club Daguerre wird weitere Formate dieser Art mit den Maleks in Zukunft wiederholen; im Atelier Bretzfeld oder auch an anderen Orten. Entsprechende Termine werden rechtzeitig in Club Daguerre aktuell angekündigt. Wer die Fotografie nicht nur sammelt und erforscht, sondern sie einmal mit den eigenen Händen erleben möchte, dem sei das Angebot von Herrn und Frau Malek in Schwabbach wärmstens ans Herz gelegt. Informationen unter https://experience-collodion.de/