Editorial Mai 2026

Joseph Nicéphore Niépce: „Point de vue du Gras"

Liebe Mitglieder,

es ist Mai. Das Licht wird großzügig, die Tage länger, und wer in diesen Wochen mit einer alten Kamera unterwegs ist, hat allen Grund zur Freude. Mir geht es so, und aus vielen Gesprächen höre ich heraus, dass es Ihnen ähnlich ergeht.

Vom Licht und seiner Großzügigkeit zu reden, ist in diesem Mai doppelt angebracht. Denn vor rund zweihundert Jahren richtete Joseph Nicéphore Niépce in Saint-Loup-de-Varennes bei Chalon-sur-Saône eine Camera obscura auf eine bitumenbeschichtete Zinnplatte und überließ sie viele Stunden lang der Sonne. Was dabei entstand, „Point de vue du Gras", ist die älteste erhaltene Fotografie der Welt. Zweihundert Jahre. Es lohnt sich, kurz innezuhalten und sich vorzustellen, wie weit der Sprung trägt, der mit dieser geduldigen Belichtung am burgundischen Fenster gewagt wurde, bis in unsere Vitrinen, unsere Buchregale, unsere Photo Antiquaria.

Und damit zu eben dieser. Ausgabe 167 hat in unseren Reihen ein außerordentlich positives Echo gefunden; die Bandbreite der Themen, so haben uns viele von Ihnen geschrieben, habe selten so überzeugt. Autoren und Redaktion sei dafür herzlich gedankt. Bereits jetzt darf ich verraten: An Nr. 168 wird mit Schwung gearbeitet. Was ich bisher gesehen habe, geht in die Tiefe, deckt die ganze Bandbreite photohistorischer Themen ab und ist auch da, wo es speziell wird, einfach gut lesbar. Lassen Sie sich überraschen.

So sehr die nächste Lektüre lockt: Den Blick nach vorn richten wir derzeit vor allem auf das Jahrestreffen im August. Auch dort spielt ein rundes Jubiläum die Hauptrolle: 100 Jahre Zeiss Ikon, eingebettet in einen ganzen Reigen weiterer runder Jahrestage der deutschen Photo- und Optikindustrie. Die Vorbereitungen laufen auf vollen Touren, und ich nutze die Gelegenheit für eine herzliche Bitte: Wer sich frühzeitig anmeldet, erleichtert uns die Planung ganz erheblich. Details finden Sie im Newsletter und in der aktuellen Photo Antiquaria. Je früher wir wissen, wer kommt, desto besser können wir das Treffen so gestalten, wie es unsere Mitglieder verdient haben.

Bevor wir uns im August in Deutschland wiedersehen, führt unser Weg allerdings nach Frankreich. Am 6. und 7. Juni reisen unser Schatzmeister Walter Jekat und ich nach Bièvres, zur wohl größten Fotobörse der Welt, und es trifft sich gut: Vor Ort werden wir mit unserem französischen Schwesterclub Club Niépce-Lumière zusammenkommen. In diesem Jubiläumsjahr finden ausgerechnet in Frankreich zwei Vereine zueinander, deren Namen die Pioniere unserer geliebten Disziplin tragen: Niépce, der das Licht zuerst bannte, und Daguerre, sein Partner und Nachfolger, der die Fotografie einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machte. Schöner könnte sich der Übergang vom Mai zum Juni kaum fügen. Sollten Sie ebenfalls in Bièvres sein, würde ich mich freuen, von Ihnen zu hören; ein vertrautes Gesicht macht bei einer Veranstaltung dieser Größenordnung den Unterschied, und über den einen oder anderen Tipp eines Bièvres-Veteranen wären wir Erstbesucher dankbar.

Damit die Eindrücke aber nicht in Frankreich bleiben: Am 13. Juni werden Walter Jekat und ich beim zweiten virtuellen Mitgliederstammtisch von unserer Reise berichten, mit Bildern, Videoausschnitten und sicher auch der einen oder anderen Anekdote. Näheres dazu finden Sie an anderer Stelle in diesem Newsletter.

Zweihundert Jahre Fotografie: eine lange Belichtungszeit, sozusagen. Was bei Niépce mit Stunden geduldiger Sonnenwanderung am Fenster begann, hat sich in unseren Tagen auf Bruchteile einer Sekunde verkürzt; geblieben ist die Neugier auf das, was am anderen Ende des Lichts entsteht. Dafür stehen unsere Vereine, unsere Treffen, unsere Photo Antiquaria, und in diesem Frühsommer ganz besonders unsere Begegnungen in Bièvres und am 13. Juni am virtuellen Stammtisch. Daran möchte ich Sie alle herzlich beteiligen.

Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre und einen photographisch ergiebigen Mai.

Mit herzlichen Grüßen

Klaus Herrmann 
Vorsitzender des Club Daguerre e.V.